
Was macht den Menschen?
Andreas Eggers Leben erhielt einen Anfang und fand ein Ende.
Aus einer weit entfernten Stadt kommt das Waisenkind mit der Pferdekutsche in das namenlose Tal, das von den schneebedeckten (fiktionalen) Höhen eines Karleitnergipfels, Zwanzigerkogels und einer Klufterspitze umschlossen wird. Wie alt der Junge genau ist, weiß niemand. Der Bürgermeister des Dorfes schätzt ihn auf vier, wählt ein beliebiges Sommerdatum und schreibt Andreas Egger rückwirkend mit dem »15. August 1898« urkundlich in die Welt hinein.
An einem kalten Februartag etwa 79 Jahre später verlässt Egger sie ebenso unauffällig wieder. Er sitzt einsam und friedlich am Tisch in seiner alten Hütte, einem ehemaligen Viehstall, seine Gedanken schweifen zu den Dingen, die er sich für den nächsten Tag vorgenommen hat. Ein heller Schmerz sticht in seiner Brust, sein Oberkörper sinkt nach vorn, der Kopf ruht mit der Wange auf der Tischplatte. »Geduldig wartete er auf den nächsten Herzschlag. Und als keiner mehr kam, ließ er los und starb.«
Am Ende war er zufrieden gewesen mit seinem unerwartet langen Leben, das hart und entbehrungsreich war. Robert Seethaler beschreibt es mit respektvoller Distanz, aber warmherziger Anteilnahme gegenüber dem Protagonisten in seiner kleinen, zarten Erzählung »Ein ganzes Leben«, die uns in schmucklosem, aber poetischem Ton anrührt.
Andreas Egger überlebte seine Kindheit und Jugend.
Nachdem seine Mutter, die ein »flatteriges Leben geführt hatte«, vom »lieben Gott mit der Schwindsucht gestraft und heimgeholt worden« war, kann ihr auf Erden schutzlos zurückgelassener Sohn sich glücklich schätzen, dass um sein Hälschen ein Lederbeutel baumelt, sonst hätte ihn sein Onkel, der Großbauer Hubert Kranzstocker, gleich zum Teufel gejagt oder dem Pfarrer vor die Tür gesetzt. Doch dank der spärlichen Geldscheine darin findet der Bub gnädige Aufnahme. Die ihm zuteil werdende Fürsorge ist freilich hart und kalt wie Stein. Der »Bankert« ist dem Bauern nicht mehr als ein Arbeitstier, das erst einmal der Züchtigung bedarf. Bei jedem häuslichen Missgeschick – »verschüttete Milch, verschimmeltes Brot, verstottertes Abendgebet« – tanzt die in Wasser eingeweichte Haselnussgerte auf dem Hinterteil des Kindes. Kranzstocker ist »der Boden«, »das Fleisch«, »der Mann«, »das Wort« und »die Tat«, und wenn er zudrischt, dann mit »Gottes Hand« und auf den Lippen ein dahingesagtes »Herrgottverzeih«. Einmal schlägt er den Neffen fast tot. Der kleine Körper knackt laut, der Oberschenkel birst. Das derbe Handwerk des Knochenrichters bannt den Jungen für Wochen auf den Strohsack und gibt ihm fürs Leben ein hinkendes Bein mit.
Mit achtzehn Jahren hat Egger genügend Kraft, um sich zu widersetzen: »Wenn du mich schlagst, bring ich dich um!« Da hat sein Martyrium ein Ende. In einer Ironie des Schicksals wird ihn der alte Kranzstocker viele Jahre später bedrängen: »Bitte schlag mich doch endlich tot!« Da hat ihn der Herrgott enttäuscht, der Krieg ihm seine Familie genommen, und er ist des Lebens überdrüssig.
Andreas Egger überlebte eine Lawine.
Die glücklichste Phase seines irdischen Daseins erlebt Egger im Frühjahr 1935. Er hat Marie geheiratet und bewohnt mit ihr eine kleine Hütte, die Wind und Feuchtigkeit wenig entgegenzusetzen hat, aber Raum für einen kleinen Garten bietet. Das Bauunternehmen Bittermann & Söhne bringt den Fortschritt ins Tal, und Egger baut mit an Stromleitungen und Seilbahnen, damit bald die ersten Touristen auf Skiern die Hänge herunterpflügen. Marie, die als Arbeitssuchende mit »durchgetretenen Schuhen und staubigen Haaren« ins Tal gekommen war, findet eine Anstellung beim Wirt, kann Betten machen und die Gästeklos ausschöpfen.
Dann donnert die Lawine ins Tal und begräbt Egger, seine Hütte und seine geliebte Frau mit dem schönsten Namen der Welt unter den Schneemassen. Egger kommt wieder ans Licht des Tages, aber unauslöschlich bleibt in seinem Inneren ein Schmerz, »der nach einer kurzen Berührung mit einer Stofffalte in das Fleisch seines Oberarms, seiner Schulter, seiner Brust gesunken war und sich schließlich irgendwo in Höhe des Herzens festgesetzt hatte.«
Andreas Egger überlebte einen Krieg.
Einem inneren Ruf folgend, meldet sich Egger 1938 freiwillig zum Kriegsdienst. Aber welcher Feldherr kann schon einen hinkenden, als »untauglich« eingestuften Soldaten brauchen? 1942 sieht die Welt ganz anders aus, da beruft die Wehrmacht auch einen Egger ein. Er ist gut genug, um an der Ostfront, im Kaukasus zu kämpfen. Vier Monate führt Gebirgsjäger Egger Befehle aus, ohne zu wissen, »warum er dort war und wofür oder gegen wen er eigentlich kämpfte.« Dann darbt er acht lange Jahre in einem Kriegsgefangenenlager in den Weiten der Nordschwarzmeersteppe. »Der Tod gehörte zum Leben wie der Schimmel zum Brot.« 1951 darf er als Heimkehrer in sein Tal zurück.
Egger erträgt sein »ganzes Leben« ohne Jammern, ohne Aufbäumen, in stoischer Gelassenheit. Er ist ein starker Mann mit schlichtem Geist: »Er dachte langsam, sprach langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterließen ihre Spuren.« Im Alter zieht er sich von der lärmenden modernen Zivilisation und dem Tourismushype im Dorf zurück. Man tuschelt über den Einzelgänger, er sei verwirrt, wohne in einem Erdloch, wasche sich im eiskalten Bergbach. Egger schert sich nicht darum. »Er hatte alles, was er brauchte, und das war genug.«
Robert Seethalers Roman »Ein ganzes Leben« ist die Würdigung eines einfachen Menschenlebens voller Tugenden und wahrer Werte. Ein kleiner Band mit gewaltiger Wirkung und Aussagekraft.
Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Sommer 2014 aufgenommen.