Rezension zu »Das weiße Grab« von Lotte und Søren Hammer

Das weiße Grab

von


Kriminalroman · Droemer · · Gebunden · 512 S. · ISBN 9783426198957
Sprache: de · Herkunft: dk

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Lauwarme Eisleiche

Rezension vom 21.02.2014 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Großer Auftritt in Grönland: Die Dame mit dem »Doktortitel in Quantenchemie«, die dänische Umweltministerin und ihre gemeinsame Entourage schauen sich an, wie das Eis schmilzt. An die­sem Ort, wo die globale Erwärmung für alle sichtbar wird, dokumentiert ein stattlicher Tross von Journa­listen jeden Schritt und Tritt der Politprominenz. »Diese Szenerie hier vergisst niemand so schnell«, sagt die deutsche Regierungschefin und nestelt an ihrem knallroten Anorak.

Ungleich aufregender gestaltet sich der Rückflug im Helikopter. In geringer Höhe über dem Inlandseis er­läutert ein Glaziologe der Kanzlerin, was der Klimawandel da anrichtet, als sie im tauenden Eis eine Lei­che entdecken. Während der Pilot innehält, um die Koordinaten durchzugeben, wird der andere Hub­schrauber mit der Journalistenmeute rasch umdirigiert. Vergebens – der Fund bleibt nicht unbemerkt, die Medien überschlagen sich.

Leitender Kriminalkommissar Konrad Simonsen und seine Truppe übernehmen die Ermittlung in dem Fall, der international stärkeres Aufsehen erregt als die abschmelzenden Polkappen. Leider ist Simonsen nicht gut drauf; sein Diabetes macht ihm zu schaffen, und eigentlich wollte er jetzt auf einer Karibik-Kreuzfahrt die Seele baumeln lassen. Doch die Pflicht ruft aus dem Eis.

Die Gletscherleiche hieß Maryann Nygaard und muss im September 1983 ermordet worden sein. Damals arbeitete die Frau als Krankenschwester auf einer der fünf gigantischen Radarstationen, die die Amerikaner zu Zeiten des kalten Krieges betrieben. Die Männer der »Eyes of Freedom« hatten viel freie Zeit und schlu­gen die Langeweile gern mit reichlich Alkohol und Partys tot, bis sie endlich nach Monaten abgelöst wur­den. Hat einer der Amerikaner Maryann im Rausch umgebracht? Oder ist sie womöglich gar geheimen po­li­ti­schen Arrangements auf die Spur gekommen, von denen uns berichtet wird, und wurde dafür liqui­diert? Das wäre eine heiße Story, die weite Kreise zöge. Die Recherche würde weit in die Vergangenheit zurück- und in höchste Kreise hinaufreichen, die dänischen Davids müssten Widerstände der stolzen Welt­macht-Goli­aths überwinden ... Tun sie aber nicht. Der ungemein reizvolle atompolitische Handlungs­faden war nur Show und läuft leider ins Leere.

Stattdessen bringt das staubige Archiv Licht in den verzwickten Fall der Gletscherfrau. Im Jahr 1997 wurde der Mord an Catherine Thomsen ad acta gelegt, nachdem Konrad Simonsen den mutmaßlichen Tä­ter ver­haftet und der sich in seiner Zelle erhängt hatte. Nicht nur Aussehen und Körperbau der beiden toten Frauen ähneln sich; es gibt jede Menge weitere Übereinstimmungen. Am frappierendsten sind die Details beim Tötungsritual: die Fesselung der Hände und Füße, der Umgang mit der Kleidung, die Tötungs- und Be­stat­tungs­art.

Nun müssen zwei sehr ähnliche Morde im Abstand von vierzehn Jahren keineswegs vom selben Täter ver­übt worden sein, doch wie zu erwarten, folgen weitere Untaten, und da wissen alle: Ein Serienmörder geht um. Das ist besonders schmerzlich für Konrad Simonsen, denn er muss sich jetzt eingestehen, dass ihm zehn Jahre zuvor ein fataler Fehler unterlaufen war: Irgend jemand hatte seine Indizien geschickt manipu­liert.

Ein Psychologe wird ins Team integriert, um die Motive und Verhaltensmuster des Täters zu erschließen. Doch dieser Mann will so recht in keine gängige Psychopathen-Kategorie passen: »thrill, lust, gain, hedo­nist killers, power seekers« ... Was mag ihn traumatisiert haben? Wie kann man ihn seiner Taten überfüh­ren? Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, insbesondere als sich die ehrgeizige junge Kollegin Pauline Berg mit einer nicht abgesprochenen Extratour in Lebensgefahr bringt.

Nachdem der Böse sowohl der Polizei als auch dem Leser hinlänglich bekannt ist, könnten die Autoren­geschwister ihn ja eigentlich zügig festsetzen (lassen). Tun sie aber nicht. Das weckt Seite um Seite die Hoffnung, sie holten nun gleich zu einem Überraschungscoup aus, der uns die Socken auszieht. Tun sie aber nicht. Stattdessen erzählen sie uns wieder und wieder von Dienstbesprechungen, die obendrein gerne um die Befindlichkeiten der Ermittler kreisen (nach eigenem Bekunden »eine üble Ansammlung von jäm­merlichen Gestalten«).

An erzählerischem und gestalterischem Potenzial mangelt es den Autoren Lotte und Søren Hammer nicht. Auch ihr Zweitwerk »Alting har sin pris« (2010), das Günther Frauenlob übersetzt hat, bietet genügend Ansätze für einen spannenden, plausiblen, guten Kriminalroman. Aber sie verschenken Chancen und ver­zetteln sich mit letztlich unnützem Füllstoff, so dass die Gedanken des gelangweilten Lesers in seine All­tagswelt abschweifen, die er doch eigentlich für eine Weile vergessen wollte.


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