
Sündengräber
von Kristina Ohlsson
Die Serie der Morde folgt einem Muster: Zu jedem einzelnen gibt es ein paralleles Gegenstück. Die Stockholmer Ermittler tappen lange im Dunklen. Dabei haben sie an ihren persönlichen Schicksalsschlägen selbst genug zu tragen. Die Mysterien halten sie und den Leser bis zur letzten Seite auf Trab.
Angst Angst Angst Angst Angst
Was mag das sein, »Sündengräber«? Erdlöcher, in denen man in irgend einem übertragenen Sinne Missetaten zur letzten Ruhe bettet, um sie ein für alle Mal vom Erdboden zu tilgen? Oder sind das Menschen, die diese Totengräber-Arbeit erledigen? Oder eher solche, die, analog zu »Goldgräbern«, die schrecklichen Taten wieder ans Licht zerren? Ob und was hier aus- oder vergraben wird – ich bin nicht dahinter gekommen, was das Wort mit diesem Kriminalroman zu tun hat. Aber das ist egal, im Text kommt es gar nicht vor, und Hauptsache ist doch, dass es neugierig macht und mit seiner mystischen Unschärfe den Kaufanreiz fördert. Der schwedische Originaltitel lautet jedenfalls »Syndafloder«, was die biblische Sintflut oder allgemeiner eine Katastrophe bezeichnet. Und das hat mit dem Thriller auch nix zu tun.
Zu Beginn werden dem Leser drei »verirrte Männer« vorgestellt, die im April 2016 ihr Unwesen treiben.
Der erste ist todkrank, nimmt Morphium und weiß genau, wann er sterben wird. Die kurze Zeit bis dahin will er nur für eines nutzen: »Sühne zu tun« für eine Schuld, die seit Jahren auf ihm lastet – ein schweres Verbrechen, wie er nun seiner Frau auf den letzten Drücker brieflich gesteht. »Ich mache alles wieder gut«, schreibt er, und er habe alles geregelt.
Der zweite sucht einen sicheren Zufluchtsort für seine Tochter und deren Familie, die sich seit Jahren im Ausland verstecken. Nun möchte er sie in die Heimat zurückholen, muss ihnen dafür aber ein einsam gelegenes Haus mit schussfesten Türen und Panzerglasfenstern bieten.
Der dritte Mann hat eine Lebenskrise überwunden. »Er hatte so viel verloren, dass er nicht mal mehr er selbst war«, aber einen Weg aus Leere und Trostlosigkeit gefunden. Jetzt will er Gerechtigkeit wiederherstellen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für all die anderen, denen Unrecht im Leben widerfuhr, die alleingelassen wurden, keine Unterstützung fanden.
Wenige Wochen später folgen den Ankündigungen Taten. An einem Samstag spritzt der Täter seinem Opfer eine Überdosis Insulin in den Nacken.. Am Montag findet die Putzfrau eines ehemaligen Bauunternehmers den Alten im Sessel vor dem erloschenen Kamin, getötet durch einen direkten Schuss in die Brust. Am Mittwoch entdeckt der Platzwart eines Tennisplatzes beim Rasenmähen eine fast perfekt verscharrte Leiche – nur ein vorwitzig aus dem Erdreich ragender Daumen meldet sie. Und Sie vermuten richtig: Am Freitag geht das Morden weiter.
Da tut die Polizei von Stockholm natürlich längst ihre Pflicht. Die Chefin Margareta Berlin setzt Alex Recht als Verantwortlichen ein, seine Kollegin Fredrika Bergman unterstützt ihn, und vor Ort helfen Spezialisten und Rechtsmediziner. Voran kommen sie alle nicht recht, obwohl sich an den Tatorten Briefe und Botschaften finden, manche infamerweise direkt an Alex gerichtet: »Ich mache alles wieder gut.«
Alex Recht ist oft abgelenkt, kann sich so gar nicht auf die Fälle konzentrieren. Ihn besorgt, dass seine sonst so toughe Mitarbeiterin Fredrika seit Wochen verändert wirkt. Was bedrückt sie nur? Wir wissen es: Spencer, ihr Mann, ist dem Tode geweiht, aber sie will Alex nicht mit ihren familiären Sorgen belasten, wo der doch den Krebstod seiner ersten Frau noch immer kaum verkraftet hat.
Davon unbeeindruckt setzt sich die Serie von Gewaltverbrechen an entfernten Orten und zu anderen Zeiten fort. Seltsamerweise gibt es zu jedem Opfer ein passendes Gegenstück, auf ähnliche Weise aus dem Leben gerissen wie die in und um Stockholm gefundenen Toten. Der Leser kann ebenso wenig wie das Ermittlerteam erkennen, was hinter diesen Verbrechen stecken könnte, und so rätseln wir gemeinsam bis zur letzten Seite.
An Spannung fehlt es dem Thriller mit dem wunderlichen Titel wahrlich nicht, ebenso wenig wie an Ereignissen, die sie geschickt über den ganzen Roman hin tragen. Allerdings mangelt es ihm an Maß und Klasse. Die Figurengestaltung ist minimalistisch: Mehr als den Namen erfahren wir kaum über die vielen Personen, die sich hier tummeln. Sie bleiben alle gesichts- und farblos. Dafür überzieht sie die Autorin wie eine Rachegöttin mit Schicksalsschlägen. Fast jede der im Vordergrund stehenden Figuren muss sich mit einer unheilbaren Krankheit oder einem verhängnisvollen Todesfall quälen. Unser Empathievermögen wird hoffnungslos überstrapaziert.
So schlicht wie die Charakterisierung ist die Sprache. Ihr fehlt jede literarische Ambition, jede Originalität. Eine rein quantitative Soll-Übererfüllung beobachten wir bei der Formulierung beklemmender Gefühle aus dem Bereich »Angst«. Die dominieren viel zu viele Seiten, wobei die Autorin leider zu wenig Differenzierung kennt. Wie viele Schriftsteller(innen) mit Anspruch bewiesen haben, kann man bedrückende Nervenbelastungen in unendlichen Ausprägungen beobachten und sprachlich darstellen. Hier hat man halt einfach »Angst«.
Spätestens im Rückblick fällt auf, dass auch der Plot weder Raffinesse noch Tiefgang aufweist. Es handelt sich um ein umständlich erzähltes Routinekonstrukt, das viele parallele Handlungsfäden abwechselnd in leicht konsumierbaren Portiönchen serviert und den Leser mit regelmäßigen Cliffhangern an der Leine hält. Wegen der Vielzahl zu verfolgender Stränge kann es allerdings viele, viele Seiten dauern, bis so ein Appetitanreger endlich eingelöst wird. Ganz am Ende fügt sich schließlich alles verständlich zusammen.
Wer spannende Unterhaltung sucht, die ohne Mühe und geistige Verrenkung in einem Rutsch genossen werden kann, wird von Kristina Ohlssons Thriller (den Susanne Dahmann übersetzt hat) nicht enttäuscht sein. Es ist übrigens bereits der sechste Band ihrer gut verkauften Reihe mit den Ermittlern Alex Recht, Fredrika Bergman und Peder Rydh. Der erste (»Askungar«, dt. »Aschenputtel«) erschien 2009, und gemäß einer Bemerkung im Nachwort ist »Sündengräber« wohl der letzte. Wahrscheinlich sind jetzt alle Sünden aus- oder eingegraben.