
Bleib bei mir
von Ayọ̀bámi Adébáyọ̀
Eine dramatische, spannende und bewegende Erzählung aus Nigeria. Ein Paar bleibt ungewollt kinderlos, was in einer Gesellschaft, in der die Funktion einer Frau traditionell darin besteht, Nachwuchs zu gebären, fatale Folgen hat: nicht nur Enttäuschung, Verzweiflung und Trauer, sondern den Bruch der Beziehung, Verlust der Selbstachtung, sogar ein grausames Komplott.
Der Wert einer Frau
Die Beziehung beginnt vielversprechend. Akin lernt die Mitstudentin Yejide bei einem Kinobesuch kennen, sie verlieben sich ineinander, heiraten bald. Abweichend von den Gepflogenheiten des Landes und im Gegensatz zu ihren Eltern wollen sie eine monogame Ehe führen. Die beiden sind jung, aufgeschlossen, modern und können ein sorgenfreies, glückliches Leben erhoffen.
Doch aus den Traditionen und dem Wertekanon ihrer Gesellschaft können sie sich nicht so einfach lösen. Sie werden repräsentiert von »Moomi«, Akins Mutter. Ihr Erstgeborener, studierter Bankangestellter, ist ihr Liebling und wohlgeratener Vorzeigesohn. Warum aber ist seine Ehefrau nach vier Ehejahren noch immer nicht schwanger geworden? Moomi setzt ihn unter Druck, erinnert ihn an seine Verantwortung, für Nachwuchs zu sorgen, schenkt auf einmal ihren bisher kaum beachteten jüngeren Söhnen mehr Aufmerksamkeit – sie sind nur einfache Handwerker, konnten aber problemlos jede Menge Kinder zeugen.
Wenn Yejide nicht schwanger wird, muss eine Zweitfrau her. Moomi schleppt eine Reihe Kandidatinnen an, bis Akin sich für Funmi entscheidet. Er wählt sie nicht etwa, weil er sie mehr als Yejide lieben könnte, sondern weil sie sich auf die Absprache einlässt, nicht, wie es üblich wäre, in sein Haus einzuziehen, sondern ein paar Kilometer entfernt zu wohnen und pro Monat nur ein Wochenende mit ihm zu verbringen.
Das Arrangement belastet alle Beteiligten schwer. Selbst Akin schiebt über Monate berufliche Verpflichtungen vor, um seinen Besuchen bei Funmi zu entgehen. Die akzeptiert zwar Yejides Vorrang als erste Ehefrau, fordert aber nach geduldigem Abwarten auch ihre Rechte als Zweitfrau ein und will nun mit im Heim der Familie wohnen.
Dem größten Leidensdruck unterliegt Yejide. Seit Langem schon sieht sie sich offenen Vorhaltungen ausgesetzt (»Frauen machen Kinder, und wenn du das nicht kannst, bist du nur ein Mann.«), denen sie mit ewigem Lächeln standzuhalten versucht, und muss sich gefallen lassen, wie sich Angehörige aus ihrer Vielfrauenfamilie unglaublich direkt in ihr Intimleben einmischen. In ihrer wachsenden Verzweiflung konsultiert sie Ärzte und Scharlatane, doch helfen kann ihr niemand. Der übermächtige psychische Erwartungsdruck, verbunden mit der Angst vor der Rivalin, führt zu einer Scheinschwangerschaft.
Die nigerianische Autorin Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, 1988 in Lagos (Nigeria) geboren, lässt die aufwühlende Beziehungsgeschichte aus den wechselnden Perspektiven der betroffenen Partner erzählen. Das verleiht jedem dieser Berichte große Authentizität und emotionale Kraft. Der Leser erlebt zum Beispiel hautnah mit, wie der Wunderheiler ein in Tücher gehülltes Zicklein zum Säugen an ihre Brust legt, um ihre Empfänglichkeit zu stimulieren, oder wie sie trotz ihrer selbstbewusst und klug geführten Argumentation bei Diskussionen mit ihren Verwandten auf verlorenem Posten kämpft, weil sie uralte Traditionen und irrationalen Aberglauben gegen sich hat. Am Ende gewinnt sie nichts als weitere Demütigungen, Ausgrenzung, schmerzliche Einsamkeit und Selbstzweifel.
Auch Akin wird zu Boden gedrückt und zerrissen. Die familiären und gesellschaftlichen Erwartungen lasten schwer auf ihm, ebenso die Sorge um die gemarterte Psyche seiner großen Liebe. Gleichzeitig weicht er ihr aus, aus Furcht, bittere Wahrheiten könnten sie vollends zerbrechen, und sucht andere Auswege aus dem Dilemma seines Familienlebens.
Die ergreifende Geschichte ist an dieser Stelle noch lange nicht zu Ende. Die Autorin führt sie mit schier unglaublichen Überraschungen fort: Schicksalsschläge, Hoffnungen, die in Katastrophen umschlagen, Planungen, die tragisch durchkreuzt werden. Am Ende gibt es viele Opfer und keinen Gewinner.
Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ hat mit »Stay with me« einen höchst bemerkenswerten Debütroman vorgelegt (den Maria Hummitzsch angemessen ins Deutsche übersetzt hat). Ohne jede Gefühlsduselei oder kitschige Überspitzung gestaltet sie einen konflikt- und wendungsreichen Plot, der den Leser wie ein Krimi packt, aber intensiv auf der emotionalen Ebene wirkt. Ängste, Nöte, Scham, Zerrissenheit, Enttäuschungen, aber auch Unaufrichtigkeit bestimmen das Seelenleben der Protagonisten, dessen Entwicklung die Autorin überzeugend und mitreißend herausarbeitet.
Als reizvoller Nebeneffekt bekommen wir Einblicke in den nigerianischen Alltag, lesen von den landestypischen Mahlzeiten, der traditionellen Kleidung der Frauen und von ihrer Haartracht, den stundenlang liebevoll geflochtenen »Braids«. Die Handlung ist in den Achtzigerjahren angesiedelt, als das Land von einer Serie von Militärdiktaturen zermürbt wurde. Die Gefahren, die der Bevölkerung aus der politischen Instabilität und Gewalt im Lande drohten, beeinflussen auch das Befinden der Romanfiguren. Ein Glossar erleichtert das Verstehen der Entwicklung.
Dieser rundum empfehlenswerte Debütroman wurde 2017 für den Baileys Women’s Prize for Fiction nominiert, von mehreren internationalen Feuilletons zu den besten Büchern des Jahres gezählt und in dreizehn Länder verkauft.