
Ist der Psychologe ein Kindermörder?
Nach 13 Jahren Haft wird am 7. April 2007 ein Mann aus der JVA entlassen. Er wird sich in Aachen niederlassen. Statt sein freies Leben mit guten Vorsätzen zu beginnen, hat ihn die Wut gepackt ...
Am 22. Juli 2009 befinden sich Kriminalhauptkommissar Bernd Menkhoff und sein Kollege Hauptkommissar Seifert auf dem Heimweg nach Brand, einem Stadtteil Aachens. Menkhoffs Handy regt sich, und, wie zu befürchten, haben sie statt eines verdienten Feierabends ein Stück Arbeit vor sich, denn ein anonymer Anrufer hat eine ernst zu nehmende Meldung abgegeben: Seit Tagen íst ein Mädchen verschwunden ... Zeppelinstraße ... 1. Stock ... die Haustür steht offen ...
Das genannte Mehrfamilienhaus ist völlig heruntergekommen, die beschriebene Wohnungstür trägt kein Namensschild. Als die beiden Kommissare klingeln, schaut ihnen durch den schmalen Spalt der Türöffnung ein bekanntes Gesicht entgegen: das des Psychologen und vorbestraften Kindermörders Dr. Joachim Lichner. Widerwillig gewährt er ihnen Zugang zu seiner Wohnung. Seltsam: Die ganze Bude ist ein einziger Saustall - bis auf ein kleines Zimmer, das völlig leergeräumt und in Pastellfarben frisch gestrichen ist.
Menkhoff und Seifert hatten am 28. Januar 1994 die vierjährige Juliane im Wald gefunden - erwürgt und in einer Tüte entsorgt. Das war Seiferts erster Fall bei der Kripo, und mit seinen 23 Jahren übermannten ihn damals beim Anblick der kleinen Leiche die Gefühle. Doch schon erteilte Menkhoff seinem Junior die Lektion, so etwas dürfe er absolut niemals zulassen, denn sonst verliere er den neutralen Blick und übersehe die Details.
Die Wahl der Handlungsorte und der Protagonisten sowie deren detaillierte Beschreibung fesseln den Leser von der ersten Zeile an. Kleine unauffällige Sätze steigern die Spannung. Rätselhaft und zugleich reizvoll agiert in diesem Textauszug ein Doktor der Psychologie. Für den Leser drängt sich der Eindruck auf, dass es sich - und auch bei dem entlassenen Häftling - um Dr. Lichner handelt. Doch sicher wäre ich mir da nicht, denn Strobel - ein Routinier seines Faches als Krimischreiber - wird uns nicht platt bedienen, sondern manches Rätsel aufgeben. Wie ein Magier wird er völlig Unerwartetes aus dem Hut zaubern. Die Handlung wird zur Acherbahnfahrt, bei der wir uns festhalten müssen.
Arno Strobel hat die Leser schon mit seinem Krimi "Der Trakt" begeistert. Nach dem Leseeindruck bin ich mir sicher, das auch "Das Wesen" ein shooting star werden könnte.